Applikationswege in der Therapie der Multiplen Sklerose – monoklonale Antikörper im Fokus

1. EINLEITUNG

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die durch Demyelinisierung und Neurodegeneration gekennzeichnet ist. Weltweit sind etwa 2,9 Millionen Menschen von MS betroffen und es wird geschätzt, dass täglich 300 Personen neu mit MS diagnostiziert werden. In Deutschland gibt es ca. 280.000 Betroffene – damit zählt es zu den Ländern mit der höchsten MS-Prävalenz. Pro Jahr werden hierzulande etwa 14.600 Erstdiagnosen gestellt [ms international federation 2023]. Dabei macht die schubförmig remittierende MS (RRMS), die durch das phasenweise akute Auftreten vollständig oder partiell reversibler neurologischer Defizite charakterisiert ist, mit 94 % den überwiegenden Anteil aus. Bei den verbleibenden 6 % handelt es sich um die primär progrediente MS (PPMS) mit einem von Beginn an kontinuierlichen Fortschreiten der Erkrankung, typischerweise ohne akute Schübe [ms international federation 2023, Pozzilli et al. 2023].

Auffällig ist, dass deutlich mehr Frauen als Männer an MS erkranken; in Deutschland wird der Frauenanteil mit 72 % beziffert [ms international federation 2023]. Die Ätiologie der Erkrankung ist jedoch bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Genetische Faktoren scheinen bei der Krankheitsentstehung eine Rolle zu spielen. So wurden inzwischen mehr als 200 Genvarianten identifiziert, die mit einem erhöhten MS-Risiko verbunden sind. Die meisten davon kodieren für Proteine mit einer Beteiligung an immunologischen Signalwegen. Für eine genetische Prädisposition spricht auch, dass das Risiko, an MS zu erkranken, bei Personen mit einem*einer betroffenen Verwandten ersten Grades 2 – 4 % beträgt, im Gegensatz zum 0,1%igen Risiko der Allgemeinbevölkerung [Reich et al. 2018]. Des Weiteren wurden verschiedene Umweltfaktoren mit einem Risiko für die Krankheitsentstehung in Verbindung gebracht, dazu zählen Übergewicht, Rauchen, die geografische Region sowie eine stattgehabte Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) [Reich et al. 2018].

Dank intensiver Forschung und Entwicklung hat es in den letzten zwanzig Jahren einen großen Zuwachs an Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit RRMS gegeben, sodass heute ein Spektrum an unterschiedlichen Wirkstoffklassen mit breiten oder sehr spezifischen Wirkmechanismen und unterschiedlichen Applikationswegen zur Verfügung steht. Eine wichtige Rolle nehmen dabei monoklonale Antikörper ein. Zwar ist in erster Linie der Wirkmechanismus Grundlage für die Wirksamkeit und Sicherheit der Therapieoptionen, doch auch der Applikationsweg kann die Pharmakokinetik, die Pharmakodynamik und letztlich die Sicherheit beeinflussen. Ziel dieser CME-Fortbildung ist es, mit einem Fokus auf monoklonale Antikörper aufzuzeigen, wie sich unterschiedliche Applikationswege in der MS-Therapie auswirken können.